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Gelebte Präzision - 160 Jahre Société Genevoise d’Instruments de Physique (SIP)

Auguste de la Rive und Marc Thury aus Genf kannten keine Regelelektronik, keine Künstliche Intelligenz und keine Computer. Trotzdem wagten die beiden Gelehrten und Wissenschaftler vor 160 Jahren bei der Gründung der Société Genevoise d’Instruments de Physique (SIP) etwas damals Unvorstellbares: den Bau von wissenschaftlichen Instrumenten, die auf hundertstel Millimeter exakt messen konnten. Der Einstieg in das weltweite Maschinengeschäft gelang der heutigen Starrag-Tochter 1921 mit der Einführung der Lehrenbohrmaschine »Machine à Pointer«, laut Wikipedia nicht nur die weltweit erste in Serie produzierte Werkzeugmaschine, sondern auch die erste auf Mikrometer exakt bohrende Produktionsmaschine.

1921 entstand unter der Leitung von Fernand Turrettini, dem geschäftsführenden Direktor von SIP, das Lehrenbohrwerk MP4, das als ein sehr wichtiges Werk galt: Mit der extremen Steifigkeit des Portalrahmens und seinen präzisen Gleitschienen setzte es Massstäbe über ein Jahrhundert, die das Unternehmen immer noch als Leitfaden verwendet.

»SIP lebt Präzision seit der ersten Stunde«, meint im Rückblick Jean-Daniel Isoz, Leiter der Business Unit Ultra Precision Machining Centers bei Starrag. Eine spezielle Rolle spielt von Anfang an Botanik-Professor und Physiklehrer Thury, der viele Instrumente und Apparate entwickelt, die schon zu jener Zeit auf zehn Mikrometer exakt messen konnten. Bereits 1865 entsteht eine Teilungsmaschine, die Messlineale auf wenige Mikrometer exakt unterteilt.

Ein besonderes Meisterwerk stellt das junge Unternehmen kurz darauf auf der Weltausstellung in Paris vor: ein Fernrohr mit hochpräzisem Uhrwerkantrieb, das sich parallel zur Rotationsachse der Erde bewegt und so ermöglicht, den Weg eines Gestirns zu verfolgen. Die Innovation aus Genf sorgt für Aufsehen in der französischen Hauptstadt, de la Rive und Thury erhalten eine Medaille für das mechanische Meisterwerk.

Adriano Della Vecchia, Head of Product Line SIP

»Wir stellen sehr genaue Maschinen her, weil es für uns eine Leidenschaft ist. Ja, wir sind stolz darauf.«

SIP 7000 jig boring machine inclusive palletiser unit.

Präzisionsarbeit mit seltener Urmeter-Kopie

Stolz auf ihre Medaille kehren die Wissenschaftler aus Paris zurück, um mit der gleichen Akribie Tachometer, Wassermotoren, Gasöfen, Kältemaschinen, Stromzähler und Präzisionslineale herzustellen. Doch einen Namen machen sich die beiden Gelehrten mit hochpräzisen Apparaten und Instrumenten. Der Name SIP dringt bis zu den Fachleuten der internationalen Generalkonferenz für Mass und Gewicht (Conférence Générale des Poids et Mesures CGPM) durch, die de la Rive und Marc Thury 1899 für deren Präzisionsarbeit eine der insgesamt zwölf Platin-Iridium-Kopien des dritten Urmeters geben, die sonst in der Regel nur staatliche Eichinstitute erhalten.

Derart exklusiv ausgestattet, geht das Genfer Unternehmen in den folgenden Jahren die nächsten Schritte in Sachen Hochpräzision: Gefragt sind ihre Leistungen bezüglich Präzision beispielsweise bei der Schweizer Marine, für die ein gigantisches Artillerie-Zielgerät entsteht. Bekannt wird SIP 1921 aber mit der Einführung der Lehrenbohrmaschine »Machine à Pointer«, laut Wikipedia die weltweit erste in Serie gefertigte Werkzeugmaschine. Als »grand oevre«, als wichtiges Werk von SIP, bezeichnet sie der technische Direktor Fernand Turrettini. Sie setzt mit der hohen Steifigkeit des Portalrahmens und ihren präzisen Gleitschienen vor rund einem Jahrhundert Massstäbe, an denen sich das Unternehmen immer noch orientiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Abkehr bei der Maschinenproduktion vom bisher üblichen empirischen Verfahren. Turrettini überträgt die Prinzipien der wissenschaftlichen Messtechnik auf die industrielle Herstellung, ohne Zugeständnisse bei der Präzision zu machen.

Lehrenbohrmaschine: erste serienmässige und präziseste Werkzeugmaschine der Welt

Ganz in der Tradition der berühmten Uhrenmanufakturen seiner Heimatstadt setzt Turrettini auf Handarbeit. Ohne Kompromisse in Sachen Herstellkosten lässt er speziell ausgebildete Fachleute alle für die Präzision wichtigen Maschinenelemente schaben – vom Maschinenbett, den linearen Führungsbahnen und Kugelgewindetrieben bis hin zu den Spindelköpfen und Achsen. Dieser aufwendigen Handarbeit und der präzisen Montage sämtlicher Elemente verdankt die industrielle Welt 1921 mit der Lehrenbohrmaschine laut Wikipedia auch die erste auf Mikrometer exakt bohrende Produktionsmaschine. Aber auch im Zeitalter der Elektronik steht bei SIP rund ein Jahrhundert später die mechanische Genauigkeit im Mittelpunkt, der die Maschinen der heutigen Tochter der Schweizer Starrag Group, eines weltweit führenden Herstellers von Präzisions- Werkzeugmaschinen, vor allem ihre ›long-term accuracy‹ verdanken. »Wenn sich die Geometrie einer Maschine im Laufe der Zeit aufgrund veränderter Zugspannungen während der Montage verschlechtert, dann nützt einem Anwender auch kein noch so genaues Lasermesssystem «, erklärt Jean-Daniel Isoz, Leiter Business Unit Ultra Precision Machining Centers bei Starrag. »Erst wenn wir die perfekte Geometrie erreicht haben, kümmern wir uns um die Kompensation der letzten Mikrometer etwa durch Elektronik.«

SIP-Jubiläumsschrift

»Das Streben nach Präzision erfordert praktisches Know-how und theoretisches Wissen.«

Vor allem wegen der ›long-term accuracy‹ kommt die »Machine à Pointer« so gut an, dass SIP bis 1962, dem 100-jährigen Geburtstag, weltweit 6.000 ultrapräzise Bohrmaschinen mit dem Kürzel MP verkaufen kann. Der Präzision durch solide Mechanik hält das Unternehmen auch am neuen Standort in Vuadens im Schweizer Kanton Fribourg die Treue. »Unsere Vorgänger haben in den 1920er-Jahren die konstruktive Grundlage für die mechanische Auslegung entwickelt, die sich nach wie vor als der beste Weg für hochpräzise Technik erweist«, stellt der leitende Manager Jean-Daniel Isoz fest. »Daher hören wir immer wieder aus den Top- Etagen ›Wenn Sie weiterhin Top-Präzision anbieten wollen, ändern Sie bitte nichts!‹«

Genf ehrt SIP mit einer Ausstellung

Stolz auf die ehemalige Messtechnik- Manufaktur ist auch die Stadt Genf. Im Jahr 2005 ehrt das Genfer Amt für Kulturerbe und Kulturstätten im wissenschaftshistorischen Museum mit der Ausstellung »SIP – vom Mikroskop bis zur Werkzeugmaschine« das technische und industrielle Erbe eines bedeutenden Unternehmens, zu dem viele Genfer immer noch eine positive emotionale Bindung besitzen. Die Bedeutung von Genf für SIP erkennt auch ein Jahr später Starrag an: Der neue Besitzer lässt nach der Übernahme im Jahr 2006 ein fast hundert Jahre altes Logo wieder aufleben, bei dem ein stilisiertes G für Genf den Schriftzug SIP umschliesst.

Die Firmengründer wären sicherlich stolz darauf, dass SIP-Maschinen heute als Top- Produkte für allerhöchste Qualitätsansprüche im Portfolio der Gruppe rangieren. Der Geist der berühmten Uhrenmetropole Genf lebt auch nach der Umsiedlung am neuen Standort Vuadens im Schweizer Kanton Fribourg fort, wo die Starrag Vuadens SA seit 2017 die Produktbereiche Bumotec und SIP produziert.

Innerhalb des Portfolios der gesamten Starrag-Gruppe zählen beide Produktbereiche zu den Top-Produkten für allerhöchste Qualitätsansprüche, die das SIP-Team nicht nur mit langjährigem Know-how fertigt. Adriano Della Vecchia, Head of Product Line SIP: »Wir stellen sehr genaue Maschinen her, weil es für uns eine Leidenschaft ist. Ja, wir sind stolz darauf.«